Humanismus im Gebrauch

Humanismus im Gebrauch

Unter dieser eher alltags-, aber weniger wissenschaftstauglichen Überschrift rubrizierte ich mein neues Buch „Konzeptionen des Humanismus“ im Alibri Verlag auf meinem Rechner. Band 4 der Reihe „Humanismusperspektiven“ ist eine literatursoziologische Studie über Humanismen im Humanismus. Sie erfasst über 300 Verwendungen der Worte „Humanismus“ und „humanistisch“ vor allem in der wissenschaftlichen Literatur. Im Folgenden

 

werden die Antworten auf Fragen eines Interviews im Entwurf des Autors wiedergegeben, das im „Humanistischen Pressedienst“ erscheint.

 

Haben Sie eigentlich die Humanismen gezählt, die Sie in Ihrem Buch durch Zitate oder Literaturverweise bringen?

 

Nein. Man käme wohl auf so etwa dreitausend. Aber das bringt nicht viel, zumal nur direkte Wortverbindungen erfasst werden: „Humanismus“ als Substantiv mit einem direkt verbundenen Adjektiv, etwa „abendländischer Humanismus“, beziehungsweise ein Sachwort mit dem Adjektiv „humanistisch“, etwa „humanistisches Abendland“. Schon die Verbindung „Humanismus“ und „Abendland“ ergäbe eine nicht fassbare Größe – und wohl viele Dissertationsthemen.

 

Aber es gibt nur einen Humanismus?

 

Antwort: Jedenfalls gibt es keine relevanten Vorschläge, angesichts der Vielfalt auf den Bezugsbegriff „Humanismus“ gänzlich zu verzichten oder die Auflösung des Humanismus als geschichtsträchtiger Bewegung zu konstatieren. „Humanismus“ konstruiert eine „Kommunikationsgemeinschaft“.

 

In dieser Gemeinschaft reden alle über das Gleiche?

 

Nein und Ja. Nein, weil viele unterschiedliche Sachverhalte unter verschiedenen Zugängen verhandelt werden. Ja, es gibt ein gewisses Grundverständnis, einen gemeinsamen Nenner. Doch bevor wir vielleicht darauf eingehen, ist eine doppelte Voraussetzung zu konstatieren. Erstens: Modernen Humanismus gibt es nur im Plural, wobei „modern“ noch einmal sehr vieldeutig ist. Zweitens: Humanismus als kulturelle Bewegung und als Begriff sind „lebendig“. Zwar gibt es Autoren, die Humanismus nach wie vor auf Antike-Rezeption oder Neuhumanismus reduzieren. Doch der Blick weitet sich. Es kommen immer neue Varianten hinzu. Hier einen Überblick zu bekommen, das ist schwierig.

 

Humanismus, also das, was darunter verstanden wird, dehnt sich sozusagen aus. Aber worin besteht dann die „Einheitlichkeit“?

 

Die Einheitlichkeit besteht, wenn man so will, in der Unterscheidung vom Antihumanismus. Ich zitiere in meinem Buch den Philosophie- und Literaturhistoriker Michael Großheim, der eine Abgrenzung vom Antihumanismus am Beispiel von Martin Heidegger vornimmt. Heidegger hat 1947 über Humanismus einen bis heute breit diskutierten – wenn man so will – öffentlíchen Brief geschrieben. Diesen bewertet Großheim nicht als humanistischen Text. Er verallgemeinert: „Was die Gegner des Humanismus stört, sind … drei Gegenstände: der Mensch im Menschen, der Mensch als Gattungswesen und der Mensch im Mittelpunkt.“ Daraus folgt – und das ist eine Schwierigkeit im Umgang mit dem wissenschaftlichen Gegenstand „Humanismus“ – dass, wer über Menschenwürde, Menschenbildung, Menschenrechte, also „Menschlichkeit“, schreibt, zum einen in seinem Urteil nicht von vornherein „humanistisch“ argumentiert, aber dies zum anderen durchaus tun kann, ohne die Worte „Humanismus“ und „humanistisch“ zu benutzen.

 

Die Letzteren fallen ja automatisch aus Ihrer Sammlung.

 

Ja, denn es geht in dem Buch um reinen Begriffsgebrauch, weshalb nicht nur Humanisten zu Wort kommen. Das Ergebnis ist kein „Kategoriengeklingel“, sondern eher eine Belegsammlung über „‘Humanismus’ im Gebrauch“. Für die „säkulare Szene“ bedeutsam halte ich dieses Verfahren, weil „Humanismus“ für sie erst ab Mitte der 1980er in den Blick kommt, ein neues Wort in ihren Konzeptionen. Es gab zwar schon um 1900 „Humanistengemeinden“, die gehörten aber formal nicht zur Freidenkerbewegung. Dieser „ethische Humanismus“ wurde zum Beispiel von August Bebel vehement zurückgewiesen.

 

Freidenker haben also vorher nicht „humanistisch“ argumentiert, gar „antihumanistisch“ gehandelt?

 

Das Wort kam bei ihnen nicht vor. Deshalb waren sie aber nicht von vornherein „Antihumanisten“. Es gab solche in ihren Reihen, wenn wir die völkischen „Freidenker“ bedenken. Das, was als Humanismus definiert wird, stellt sich als eine historisch gewordene Vereinbarung dar. Am Beispiel der Freidenker: Die Freidenkerbewegung fühlte sich bis in die 1970er Jahre hinein der Arbeiterbewegung zugehörig, ihren jeweiligen Fraktionen.

 

Sorry, aber die Arbeiterbewegung war doch nicht etwa „antihumanistisch“?

 

Jedenfalls nicht in ihren „Glaubensinhalten“, da war sie „sozialistisch“. Sie hatte humanistische Ziele, das lässt sich belegen. Sie hätte zu deren Beschreibung aber nicht „Humanismus“ benutzt. Für sie galt nahezu unisono, dass Marx und Engels bereits 1844 den „realen Humanismus“, wie er im Vormärz von 1848 gedacht wurde – zur Erinnerung, der Begriff wird 1806 „erfunden“ –, in den „Kommunismus“ überführt hatten. Das wiederum verband umgekehrt in den Ländern des Staatssozialismus spätestens seit den 1968er Reformbewegungen, aber wahrscheinlich schon früher, „Humanismus“ mit Opposition gegen den real existierenden Sozialismus. Lenin, ich gehe in dem Buch kurz darauf, hat die Worte „Humanismus“ und „humanistisch“ nie benutzt – und er war wohl auch in seinem Denken und Tun kein Humanist.

 

Wer von „Humanismus“ spricht, muss dies begründen?

 

In meinen Zitaten taucht mehrfach Julian Nida-Rümelin auf, für ihn ist das eine Grundbedingung seines „philosophischen Humanismus“. Auch in dem Handbuch „Humanismus: Grundbegriffe“ hat „Argumentieren“ einen hohen Stellenwert. Für die „säkulare Szene“, für die wir dieses Interview machen, bedeutet dies, dass Humanismus nicht zur Fahne taugt.

 

Wohl auch, weil hier der Begriff neu und ungewohnt ist. Einiges davon wird bei Ihnen in den „Dissidenten“ und in „Pro Humanismus“ ausführlich geschildert. Was ist nun neu?

 

Es werden Zitate gebracht, aus denen Ursprung und Breite des „ethischen Humanismus“ oder anderer Humanismen, des „radikalen“, „rationalistischen“, „realen“, „realistischen Humanismus“ genauer hervorgehen. In den Beispielen wird klarer, worauf man sich einlässt, wenn man dieses oder jenes Adjektiv vor „Humanismus“ setzt – und was zu lesen wäre, bevor dies getan wird.

 

Die „säkulare Szene“ ist heute ein „weites Feld“, in dem immer mehr Organisationen mit „Humanismus“ argumentieren. Das kommt in Ihrem Buch auch vor, steht aber nicht im Mittelpunkt. Warum?

 

Der „Humanistische Verband“ oder die „Humanistische Union“, um nur diese zwei nennen, haben das Monopol auf die Wortverwendung nicht nur verloren, sie sind im Trubel der Debatten um den „wahren“, „richtigen“ „zeitgemäßen Humanismus“ in der Gefahr, marginalisiert werden. Um es zugespitzt auszudrücken, in der „Szene“ dominiert weitgehend noch immer ein – durchaus nachvollziehbar begründeter – „Behauptungshumanismus“, teils ein naiver, teils ein pragmatischer, manchmal unlogischer, teils ein apologetischer Gebrauch, der sich, den Umständen entsprechend, zu stark auf einige Arbeitsfelder beschränkt, um souverän im Konzert der Humanismen mitzuspielen.

 

Sie haben doch aber selbst geschrieben, dass humanistische Verbände keine akademischen Einrichtungen sind.

 

Ja, es fehlen ihnen die entsprechenden akademischen Einrichtungen und Personen, so dass auch der Kontakt zu denen, die zum Humanismus forschen oder zu Aspekten davon, nicht oder nur unzureichend hergestellt werden kann. Umgekehrt stehen akademische Äußerungen zum Humanismus den Problemen „Szene“ fern gegenüber.

 

Das immer wieder gebetsmühlenartig vorzutragen, hilft auch nicht viel weiter.

 

Doch, das tut es, weil die Erkenntnis der Schwächen des eigenen Humanismus offenzulegen ist. Wer sich zum Humanismus äußert, sollte seinen Platz im Reigen der Humanismen genauer bestimmen können, eine Ahnung davon haben – schon um Fettnäpfe, in die man treten kann, zu erkennen. Das wäre ein erster Schritt, um Überheblichkeiten zu mindern, Träume von der besonderen Originalität zu relativieren, Realismus hinsichtlich des gesellschaftlichen Einflusses zu gewinnen. Ich hoffe auf mehr Respekt beim Umgang mit „Humanismus“.

 

Für die Nützlichkeit dieser Botschaft hätte ich jetzt aber gern mal ein Beispiel!

 

Ich sehe einen sehr oberflächlichen Gebrauch einiger Begriffe in der „säkularen Szene“, auch wenn sie eigene Programmatik oder Abgrenzungen betreffen. Es finden sich im Buch einige Zitate und Hinweise, so zum „praktischen Humanismus“ des HVD und des „evolutionären Humanismus“ der gbs, die über das, was diese Organisationen dazu sagen, hinausreichen; aber es werden auch Mitteilungen gemacht zu solchen tradierten Kernen wie zum „atheistischen“, „realen“, „naturalistischen“, „sozialistischen“ oder der „wissenschaftlichen Humanismus“. Es werden dazu die Gegensätze vorgestellt, etwa was den „biblischen“, „christlichen“, „religiösen“, „theonomen Humanismus“ betrifft, ganz zu schweigen von neuen Humanismen, wie etwa den „veganen Humanismus“, oder solche, die als selbstverständlich gelten, wie „säkularer“ und „organisierter Humanismus“.

 

Bleiben wir kurz bei der Historie. Einige Begriffe wie der „byzantinische“ oder der „rhetorische Humanismus“ verweisen auf bisher „unterbelichtete“ Seiten der Herausbildung des – sehr umfangreich belegt – „interkulturellen Humanismus“, darunter auch den „chinesischen“. Was erfährt die Leserschaft über „Lehren aus der Geschichte“?

 

„Lehren“ sind „Lektionen“, die gelernt werden müssen, und „Geschichten“ werden erzählt, wobei sich der Lernstoff nicht von selbst offenlegt und keine zweck-, bedingungs- oder gar praxisfreie Wissensaneignung darstellt. Humanismus, so wird berechtigt gesagt, sei eine „Menschheitserzählung“. Die vorgelegte Begriffsliste stärkt diese Erkenntnis und verweist auf eine nahezu traumatische Erfahrung: Humanismus ist keine „Gesetzmäßigkeit“, sondern umkehrbar. Es zeigt sich, dass Menschen Humanismus auch vergessen können, den Begriff und die Bewegung.

 

Eröffnen Sie jetzt eine neue Verschwörungstheorie?

 

Wenn Osmanen, die Konstantinopel eroberten und die letzten Reste des „arabischen Humanismus“ vertrieben, oder die Reformatoren, die die Ausdehnung des „italienischen Humanismus“ über die Alpen verhinderten, „Verschwörer“ waren, bitte sehr. Zum einen kann Humanismus besiegt werden, zum anderen hatte er immer dann Konjunktur, wenn Humanität und Menschenwürde bedroht schienen oder tatsächlich verletzt wurden.

 

Das steht in ihrem Buch drin?

 

Ja, aber ich habe die Befunde nur Begriffen zugeordnet. Jedenfalls legt das Literaturstudium nahe, von Zeiten der „Wiederkehr des Humanismus“ zu reden, was „Untergänge“ voraussetzt, die mehr sind als eine „Krise“. Eine solche „Wiederkehr des Humanismus“ gab es in Osteuropa in den 1960er/1970er Jahren vor den 1989er Revolutionen. Hier ist es im Nachhinein gelungen, die Vorgänge als eine „Wiederkehr“ von Christentum und Kirchen zu interpretieren. Dabei wird außer Acht gelassen, wie einflussreich Humanismus auf die Kirchenleute im Osten war beziehungsweise innerhalb der herrschenden Staatsparteien der Humanismus sich Räume und Köpfe eroberte. Ich verweise hier auf mein Buch „Der ganze Mensch“ [LINK: http://www.tectum-verlag.de/der-ganze-mensch.html], in dem Humanismusdiskurse vor und in der DDR vorgestellt werden. Nicht nebenbei ist zu dieser „Wiederkehr des Humanismus“ anzumerken, dass, wenn Humanismus auf „säkularen Humanismus“ eingeengt wird, wie es in der „säkularen Szene“ geschieht, diese epochale Geschichte gar nicht erzählt wird.

 

In ihrem jetzigen Buch wird die Leserschaft vom „abendländischen“ bis zum „zweiten Humanismus“ geführt, wobei Sie die konzeptionelle Pointe des jeweiligen Wortgebrauchs vorstellen. Die Publikation enthält ein umfängliches Vorwort, das auch die Arbeitsmethode und die wesentlichen Befunde erörtert. Eine Bibliographie und ein Personenverzeichnis ergänzen die Ausgabe. Quellen sind wesentlich wissenschaftliche Veröffentlichungen, nur hin und wieder wird aus Medien zitiert. Warum nicht öfters?

 

Das wäre ein ganz anderes Buch geworden. Wenn bei Google News täglich „Humanismus“ eingegeben wird, ist das Ergebnis ein sehr erhellender öffentlicher Wortgebrauch, der auch eine Analyse nötig hätte, weil sich die „säkulare Szene“ zwangsweise dort drin bewegt. Ich habe aus dieser Quelle nur einzelne Beispiele herausgepickt, so etwa den „effektiven Humanismus“ – das klingt besser als „eingeschränkte Humanität“ bei der Vertreibung von Geflüchteten aus Europa.

 

Jetzt mal zur Verbandspolitik. Ihr Buch ist eine Art Hohelied auf die Pluralität im Humanismus. Sehen Sie hier irgendwelche Hinweise für den HVD, den Verband, den Sie einmal politisch und konzeptionell geführt haben?

 

Oh, da muss ich etwas ausholen. Zum einen ist der HVD organisatorisch auf dem Weg zu einer wirklich föderalistischen Struktur. Das war bei der Gründung nicht so konsequent vorgesehen. Die Folgen sind unklar. Zum anderen ist er, aus meiner Warte, zu unentschieden in seiner Strategie, immer wieder hin- und hergerissen zwischen einem kirchen- und religionskritischen Säkularismus und einer („konfessionellen“) Partizipation in der Pluralität der organisierten Religionen und Weltanschauungen. Ich sehe im HVD einen „humanistischen Länderwettbewerb" wachsen. Dann soll es ebenso sein nach dem Rat eines berühmten Anti-Atheisten, Dante: Gehe deinen Weg und lass die Leute reden.

 

Schauen wir mal, wer „schöpferisch" ist, also konzeptionell, weltanschaulich erfolgreich. Warum soll es nur einen einzigen humanistischen Verband geben? Das Einende ist doch sowieso Definitionssache. Wer sagt denn, dass Pluralität nicht auch im HVD gelten soll (oder was daraus in der kommenden Zeit wird)? Das gilt doch nur nicht, wenn man andren den „wahren Humanismus“ abspricht. Eine grundsätzliche Humanismusdebatte täte dem HVD gut, auch um sich nachvollziehbar weltanschaulich zu positionieren, gerade hinsichtlich des real existierenden evolutionären Humanismus – Ethik/Lebenskunde, Frage, KORSO, Interessenvertretung Konfessionsfreier … alles „Oberflächenprobleme“, Folgen, nicht Ursachen.

 

Abschließend die Frage, woran arbeiten Sie jetzt?

 

Ich möchte zunächst auf eine parallel erschienene Publikation verweisen, die Memoiren von Lotte Rayß, einer Freundin von Friedrich Wolf und späterem Opfer des sowjetischen Gulag- und Verbannungssystems, für das ich ein längeres kulturwissenschaftliches Nachwort verfasst habe, dass nun ein weiter ausgebauter Text für die „Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung“ wird. Dann ist gerade Band 5 der Reihe „Humanismusperspektiven“ in der Herstellung, eine Sammlung von Texten von Johannes Neumann über „Humanismus und Kirchenkritik“. Darauf folgt Band 6, ein Sammelband mit Texten von Ursula Neumann. Weiteres schauen wir mal.

 

Wir danken für das Interview.

 

Horst Groschopp: Konzeptionen des Humanismus. Alphabetische Sammlung zur Wortverwendung in deutschsprachigen Texten. Mit einer Bibliographie. Aschaffenburg: Alibri Verlag 2018, 313 S., ISBN 978-3-86569-284-9, 24 Euro (Humanismusperspektiven, Band 4).