Humanismus – Überlegungen für den HVD

Humanismus – Überlegungen für den HVD

Ab heute sind es noch 171 Tage im Dienst als Direktor der Humanistischen Akademie. Es beginnt die Zeit für „letzte Worte im Amt“. Ein solcher Vortrag fand am 9. Dezember 2013 im Berliner HVD vor ausgewähltem Publikum statt. Ein Teil des Referats, zu dem es zahlreiche Nachfragen gab, wird im Folgenden leicht gekürzt dokumentiert. Der Anlass potenzierte die subjektive Sicht und reduzierte die akademisch korrekte Aussprache. Das Foto soll zeigen, worauf sich der Referent stützte – vor allem auf seine und die von ihm herausgegebenen Publikationen über Humanismus. Man beachte die Symbolik.

„Ich beziehe mich auf, benutze und setze als gelesen voraus meinen Kommentar auf „humanismus aktuell online“ zu dem Buch von Florian Baab ‘Was ist Humanismus? Geschichte des Begriffes, Gegenkonzepte, säkulare Humanismen heute’, wobei ich mich auf diejenigen Passagen konzentriere, die sich direkt auf den HVD beziehen. Ich möchte Baab, nachdem ich ihn in diesem Kommentar heftig kritisiert habe, letztlich dann doch dankbar sein dafür, dass er unser Schriftgut so umfänglich studiert hat, besser, als wir dies selbst bisher getan haben.

 

Deshalb möchte ich auch mit einem Zitat beginnen, das aus dem Jahre 1991 stammt. Es bezieht sich auf die damalige, im Vorfeld der Verbandsgründung stattfindende Debatte über ein ‘Humanistisches Selbstverständnis’, bei dem sofort auffällt, dass das Zitat auch von gestern sein könnte. Es ist aktueller denn je. Damals fanden solche Grundsatzdebatten übrigens noch öffentlich in der Verbandszeitung und nicht in einem kleinen Zirkel statt.

 

Baab zitiert S. 139 Gita Neumann, die Ende 1991 in ‘diesseits’ schrieb, dass das ‘wissenschaftlich-rationale Weltmodell ... alle anderen traditionsgebundenen Formen des Erkennens’ geopfert“ habe mit dem Ergebnis des Misstrauens, der Abwertung, ja der Diffamierung gegenüber ‘qualitativ-innerlichen und körperlich-sinnlichen Erkenntnisquellen’.

 

Dabei ist diese Kritik von Gita Neumann noch milde. Sie bezieht sich allein auf „Denken“, das „Erkennen“, nicht auf Humanismus generell. Der gegenwärtig im HVD vorankommende, sich in dem Text ‘Humanistische Grundsätze’, dem Selbstverständnis des HVD Bayern manifestierende und auf den Bundesverband durchschlagende „säkulare Humanismus“ hat viel mit einer engführenden Erkenntnistheorie, mit „Wissenschaft“, viel mit einer entsprechenden positivistischen Philosophie, auch durchaus mit Aufklärung und Religionskritik zu tun – aber weniger mit Humanismus.

 

Fast all das, was Humanismus ausmacht, was ihn wesentlich definiert, verschwindet förmlich hinter dem dominierenden Eindruck, Humanismus sei vorwiegend eine Philosophie – das meint übrigens auch Baab –, eine Wissenschafts- und Rechtsveranstaltung, ein ‘Vernunftprojekt’, sei vorwiegend  ‘eine wertegebundene Lebensauffassung’, basierend auf einer ‘natürliche[n] [sic!] Vernunftbegabung“, die den Menschen und die Welt für ‘erforschbar und prinzipiell verstehbar’ hält – als wäre dies für Humanismus konstituierend. Hinzu kommt religionskritische und politische Weltanschauung, gerichtet speziell an Konfessionsfreie und historisch ein Ergebnis von Säkularisierung. Und um nicht mit der heidnischen Antike und ihrer humanistischen Renaissance konfrontiert zu werden, nennt man den Vorgang der Einfachheit halber gleich einen „modernen“ bzw. „neuen“ Humanismus.

 

Was diesem Humanismus weitgehend fehlt ist Historizität, ist Körperlichkeit, sind die Sprache und das Gefühl der Barmherzigkeit, ist eine Kultur der Freundschaft, der Liebe und der Menschenfreundlichkeit, ist die sinnliche Erlebbarkeit der Menschenwürde, sind Glück und Geschmack, ist der Humanitarismus, als Gegnerschaft zur militärischen Gewalt, es fehlt ein Bildungskonzept, das auf den ‘ganzen Menschen’ zielt und es mangelt an Reflexion der eigenen Mythen, etwa den fortlebenden Erzählungen über den großen humanistischen König Frankreichs, Heinrichs IV., der in den Reden und Büchern von Heinrich Mann wieder auflebte und im Kampf gegen den Faschismus zu einem Idealbild wurde. Wo ist die Akzeptanz des ästhetischen Erfahrens?

 

Der Humanismus des Humanistischen Verbandes ist historisch bedingt. Als sich der HVD im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts gründete, Baab beschreibt dies sehr schön und übertreibt auch etwas hinsichtlich der Leistungen des HVD, gab es keine breitere Humanismusforschung, so dass es nur logisch war, den mit dem Ende der DDR auch in Deutschland frei gewordenen Begriff des Humanismus für den neuen Verband zu erobern.

 

Dieser gründete sich Anfang 1993. Er machte das damalige Verständnis von Humanismus, dasjenige, was man von ihm wissen konnte und wusste, zu seinem praktischen Programm der Abkehr von der alten, sektiererisch gewordenen Freidenkerei. Dafür konnten die Verfasser des ersten ‘Humanistischen Selbstverständnisses’ auf drei Quellen zurückgreifen, erstens die holländischen Vorlagen; zweitens den damals noch als modern geltenden säkularen Humanismus in den USA, besonders auf Paul Kurtz‘ Manifeste; aber drittens auch auf drei Gruppen in den eigenen Reihen, die im VdF der DDR zu diesem in Opposition gegangen waren, die praktischen Humanisten Ostberlins, Brandenburgs und Sachsen-Anhalts. (Die beiden Letzteren gingen leider pleite; Niedersachsen und Bayern gründeten den HVD nicht mit; NRW besitzt bis heute keine ‘Sozialdienstleistungen’.)

 

Was der Verband Anfang der 1990er Jahre für Humanistinnen und Humanisten formulierte, konnte gedanklich alle erfassen, die damals für Humanismus eintraten – viel mehr gab es nicht, ausgenommen vielleicht die ‘Humanistische Union’. Intellektuelle, die über Humanismus etwas erzählten, waren eine Seltenheit, vor allem im Westen. Parallel, aber unberührt vom HVD, bis die ‘Humanistische Akademie’ vor etwa einem dutzend Jahren Verbindungen herzustellen begann, entstand, zuerst mit Richard Faber, Enno Rudolph, Hubert Cancik und dann mit dem großen internationalen Projekt von Jörn Rüsen, eine akademische Humanismusforschung, dann Julian Nida-Rümelin und weitere.

 

Baab verweist auf sie, unterbewertet sie allerdings, weil er auf den HVD schauen möchte. Dabei entgeht ihm, wie ganz anders heute die Lage in Sachen Humanismus ist. Es gibt inzwischen viele, auch internationale Forschungen und verschiedene Zugänge zum Humanismus und Texte über ihn; ich selbst habe an die hundert „Gruppen“ gesammelt. [ ] Nun haben Baab und der HVD ein gemeinsames Problem. Beide können nicht mehr so tun, als sei der HVD wie Kevin, nämlich allein zu Haus.

 

Was bei Baab als einem von seinem Doktorvater mit dem Thema objektiv überforderten Einzelautor verzeihlich ist, der HVD kann sich diese Humanismus-Abstinenz nicht mehr leisten. Er muss seinen Humanismus – den für seine Mitglieder und zur Interpretation seiner Angebote – kenntlich machen als Teil des heute bekannten Humanismus, sonst blamiert er sich. Das kann aber nun nicht Aufgabe von Projektleitern sein, worauf ich noch eingehe.

 

Ich möchte das Problem, vor dem der HVD steht, mit zwei Fragen kurz andeuten, es sozusagen auf unsere Debatten über Toleranz und Selbstbestimmung herunter brechen.

Erstens: Religiös-weltanschauliche Toleranz ist ein wesentliches Kriterium für Humanismus. Unser HVD sammelt aber in sich als Verein v.a. atheistische und agnostische Menschen, so genannte Konfessionsfreie, für die zumindest eine gewisse Religionsdistanz als angenommen gilt. Wie formuliere ich nun aber unser Bekenntnis so, dass unser Humanismus hier zwar ein eingeschränkter ist, aber nicht der Humanismus allgemein: Wir wollen im Verband keine Religiösen haben (oder wollen wir das ändern?), weshalb im Verband das Problem der weltanschaulichen Pluralität nur eingeschränkt gilt. Für Humanismus allgemein kann das nicht gelten.

Zweitens: Selbstbestimmung ist im HVD nahezu ein heiliges Wort. Diese Heiligsprechung will ich gar nicht bezweifeln. Aber: Unsere Konnotation des Wortes leitet sich wesentlich von seinem Gegenwort ab, der Fremdbestimmung, die wir wesentlich in den Religionen verortet sehen. Das geht, was den „freien Willen“ betrifft, der hier zum Einsatz kommt, zurück bis auf Erasmus versus Luther.

 

Aber wie gehen wir damit um, dass Selbstbestimmung auch die Freiheit einschließt, religiös zu werden; dass moderne evangelische Moraltheologie den Begriff der Selbstbestimmung, etwa bei der Sterbehilfe, benutzt wie wir, während sich in unseren eigenen Reihen, ich verweise wieder auf „säkularen Humanismus“, sich die eigentlichen Gegner der Selbstbestimmung finden, etwa, in dem der freie Wille, wie angeblich durch neuere Hirnforschung belegt, als nicht vorhanden bezeichnet und damit die Selbstbestimmung faktisch entwertet wird.

 

Solche Fragen finden sich bei Baab, manches ist etwas versteckt, alles sehr freundlich formuliert, weil wir ihm ja unsere Tresore geöffnet haben. Da möchte er nicht unhöflich sein. Vor allem aber, [...] sind wir doch letztlich noch immer ein kleiner und dadurch etwas sektiererisch veranlagter Betrieb in Sachen Humanismus.

 

Diejenigen, die unseren Verband mit „Theorie“ versorgen, sind gering an Zahl und, wie Baab schön beschreibt, allesamt mit Geltungsanspruch in Sachen humanistische Wahrheiten ausgestattet. Baab beschreibt die Dominanz von Philosophie, ohne dass er, selbst Philosoph und Theologe, hier unser Problem herauszuarbeiten vermag, dass darin besteht, dass Humanismus eben keine Philosophie ist, so weit man diese auch fassen mag. Sicher gibt es humanistische Philosophie und eine Philosophie über Humanismus, schon weil es „Erkennen“ und „Denken“ gibt. Das überstrahlt, wegen des Mangels an einer akademischen ‘Humanistik’, dass eine Geschichte des Humanismus fehlt, bei allem was da vorliegt; es fehlt (uns) eine humanistische Soziologie, Ethnologie usw. Darauf gehe ich am Schluss noch kurz ein, will nur vorher anmerken, wie Baab die philosophische Verfassung des HVD beschreibt.

 

Baab erkennt – und nun vergröbere ich selbst auf eine akademisch ungehörige Weise seine Befunde, um des besseren inneren Verständnisses wegen – drei für den HVD maßgebliche Philosophen: Frieder Otto Wolf, Joachim Kahl und Michael Schmidt-Salomon. Wolf habe seine neolinke Gesellschaftskonzeption in seinem Buch ‘Radikale Philosophie’ zusammen gefasst. Sie münde im Palaver aller, da alle Menschen auch Philosophen seien. Nun habe er den Begriff der Philosophie durch den des Humanismus ersetzt. Herausgekommen sei das Konzept des ‘Humanismus für das 21. Jh.’.

 

Kahl habe in seinem Buch ‘Weltlicher Humanismus’ philosophische Betrachtungen veröffentlicht, die an keiner Stelle sagen würden, was denn Humanismus, geschweige denn ‘weltlicher’ sei. Wolf und Schmidt-Salomon hätten ihn daraufhin berechtigt kritisiert. Sie würden aber genau zu den Themen, wo Kahl den bisherigen atheistischen Kanon durchbreche, etwa bei den Gefühlen und der Spiritualität, nichts Eigenes beitragen.

 

Bei Schmidt-Salomons radikaler Religionskritik und seinem ‘neuen Humanismus’, der aus der Evolutionstheorie folgere, sei gar nicht belegt, warum dieser überhaupt ein Humanismus sei. [...]

 

Für unseren Verband folgt erstens daraus, den Kreis der schreibenden Zunft, genauer der akademischen Textverfasser, deutlich zu vergrößern. Dies kann nur gelingen, wenn der HVD die akademischen Debatten und die Publikationen vermehrt. Es ist Sache der Verbandsführung, hier politisch einzugreifen.

 

Zweitens ist umgekehrt nach Formen der Bildungsarbeit zu suchen, die Funktionären hilft, sich zurechtzufinden. Da wir nicht wie die Kirchen über theologische Fakultäten verfügen, werden wir noch lange des geistigen Hinterlands, aber auch der Studiengänge entbehren. Wo man auch immer Theologie studiert hat, in Paderborn oder New York, ob katholisch oder protestantisch – alle beziehen sich auf eine gemeinsame Sprache und ein bestimmtes Wissen. Das haben wir für den Humanismus nicht, weil die Humanistik fehlt.

 

Ich fasse zusammen:

1. Baab ist kritisch zur Kenntnis zu nehmen, zumindest der Teil, der sich mit uns beschäftigt.

2. Unser Humanismus muss sich selbstbewusst in diese Debatten begeben. Sein Vorteil sind die praktischen Erfahrungen.

3. Wir stehen aber vor der Aufgabe, dass wir zu allen unseren Arbeitsfeldern und zu denen, die wir noch entwickeln, uns unseren humanistischen Reim darauf machen, und diesen auf die humanistischen Diskurse beziehen, die außerhalb von uns stattfinden.

 

Wir haben zahlreiche Publikationen über Humanismus und Lebenskunde, Humanismus und Jugend, Humanistisches Sozialwort, Humanistik, Rituale, Bestattungskultur, Rechtsverständnis u.a. Das darf gelesen werden.

 

Ein positives Beispiel will ich herausgreifen: Barmherzigkeit und Sterbehilfe. Ich freue mich, damit am Schluss wieder bei Gita Neumann gelandet zu sein. Sie hat sich hier 25 Jahre reingehängt nach dem Motto Dantes, gehe Deinen Weg und lass die Leute reden.

 

Man kann nun nicht erwarten, dass die Fachleute im HVD selbst zu Theoretikern werden, aber die Verbandsführung muss die Bedingungen schaffen, dass Leute wie Baab viel zu lesen bekommen und dass Funktionäre und Projektleiter dasjenige lesen, was mindestens zu ihrem Fachgebiet an neuerer Literatur über Humanismus vorliegt.

 

[Die lange Hubert-Cancik-Zitaten-Sammlung, was Humanismus sein könnte, wird hier ebenso nicht wiederholt wie die Diskussion reflektiert.]